Welthandel & Standardisierung als Grundlage für Innovationen
07.10.2026 68 min Klaus Reichert
Zusammenfassung & Show Notes
Am konkreten Projekt mit Innovationscoaching nachhaltig innovativer werden und strukturiert Methoden, Teams & Führungskräfte entwickeln - ganz einfach mit meinem geförderten Beratungsprogramm. Der Link zum nächsten Schritt: https://www.klausreichert.de/coaching/
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In Episode 169 des Smart Innovation Podcast spreche ich mit Prof. Sven Beckert, Historiker an der Harvard University, über Welthandel, Standardisierung, Baumwolle, Kapitalismus, Wachstum, Automatisierung und die Frage, was historische Perspektiven für die Zukunftsgestaltung leisten können.
Weitere Informationen in den Show Notes: https://www.klausreichert.de/welthandel-standardisierung-als-grundlage-fuer-innovationen/
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Im Smart Innovation Podcast gibt es umsetzungsorientierte und fokussierte Gespräche mit engagierten und kreativen Menschen über Innovation, Innovationsmanagement, Unternehmertum und Verantwortung im Kontext des Klimawandels.
Es geht um innovative agile Organisationen mit Vision, Dynamik und Energie sowie den passenden Vorgehensweisen, Zukunft auch enkeltauglich zu entwerfen. Ebenso geht es um wechselnde aktuelle Themen wie neue Geschäftsmodelle, nachhaltige Produkte & digitale Dienstleistungen. Episoden erscheinen dienstags. Bleiben Sie auf dem Laufenden und folgen Sie der Show, wo immer Sie Ihre Podcasts hören, bei Linkedin und per Newsletter. Alle Folgen mit Extras, Links, Kommentaren & Transkript sind hier: https://www.klausreichert.de/podcast/
Mein Name ist Klaus Reichert. Ich bin unabhängiger Berater mit Herzblut, kreativer Business Coach und Experte für Innovation. Ich begleite Unternehmen remote auf dem Weg von der Vision zu nachhaltigen Leistungen. Mein Standort ist Baden-Württemberg, zwischen Karlsruhe, Stuttgart und dem Bodensee.
Weitere Informationen in den Show Notes: https://www.klausreichert.de/welthandel-standardisierung-als-grundlage-fuer-innovationen/
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Im Smart Innovation Podcast gibt es umsetzungsorientierte und fokussierte Gespräche mit engagierten und kreativen Menschen über Innovation, Innovationsmanagement, Unternehmertum und Verantwortung im Kontext des Klimawandels.
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Mein Name ist Klaus Reichert. Ich bin unabhängiger Berater mit Herzblut, kreativer Business Coach und Experte für Innovation. Ich begleite Unternehmen remote auf dem Weg von der Vision zu nachhaltigen Leistungen. Mein Standort ist Baden-Württemberg, zwischen Karlsruhe, Stuttgart und dem Bodensee.
Transkript
Sven Beckert: Das ging alles so ganz
gut, als die Quantität der Baumwolle,
die nach Europa verschifft worden
ist, eben relativ begrenzt war.
Aber dann Ende des 18.
Jahrhunderts setzt eben die
Industrialisierung ein und die
Industrialisierung setzt eben
in der Baumwollindustrie ein.
Und plötzlich braucht die
europäische Baumwollindustrie
ein Vielfaches an Baumwolle, viel
größere Quantitäten an Baumwolle.
Und einzelne Fabriken verarbeiten jetzt
unglaubliche Quantitäten an Rohbaumwolle.
Und Anfang des 19.
Jahrhunderts wird es dann impraktikabel
für Kaufleute, sich jeden Sack Baumwolle
anzusehen und dann entsprechend der
jeweiligen individuellen Qualität
eines jeden Sackes Baumwolle und auch
der Menge, die in diesem Sack ist,
dann quasi einen Preis zu verhandeln.
Und stattdessen setzt
sich dann Anfang des 19.
Jahrhunderts bemühen sich die
Kaufleute von Liverpool, diesen
Handel quasi zu standardisieren,
sodass es nicht mehr notwendig ist,
sich jeden Sack Baumwolle anzugucken.
Und wie Sie gesagt haben, sie
standardisieren den Handel in Baumwolle
in zwei verschiedene Art und Weisen.
Einmal, dass die, dass die Quantität der
Baumwolle pro Ballen, also pro der, der,
der, der Einheit, in der diese Baumwolle
gehandelt wird relativ präzise festgelegt
wird und dann eben auch oft schon am
Ort der Produktion, also zum Beispiel
dann in den USA oder in Brasilien und
der Karibik in der Art verpackt worden
ist, ja, also diese Größen-Größe dann
sich schon auf dem Schiff befindet,
das auf dem Weg nach Europa ist.
Und zweitens gibt es eben ganz
unterschiedliche Qualitäten an Baumwolle.
Und und diese Qualitäten an Baumwolle
versuchen jetzt die Liverpooler Kaufleute
auch zu standardisieren und festzulegen.
Und im Anschluss dessen ist es dann
möglich für einen Baumwollindustriellen,
sagen wir in Manchester oder in
Glasgow, oder auch in in, in Leipzig
ist es dann möglich, ein eine bestimmte
Menge Baumwolle einer bestimmten
Qualität zu bestellen, ohne diese
Baumwolle jemals inspiziert zu haben.
Und das ist natürlich eine enorme
Vereinfachung des Handels und in gewisser
Weise eine enorm wichtige Innovation, die
sich später eben auch auf andere Rohstoffe
wie zum Beispiel den Weizenhandel
oder den Zuckerhandel ausdehnt.
Und wiederum, das ist wiederum eine
Innovation, die absolut grundlegend
ist für die Weltwirtschaft, die aber
eben aus der Welt des Handels kommt.
Klaus Reichert: Kann man sagen, dass
das der, der Handel mit Baumwolle die
erste Standardisierung war, zumindest
die weltweit etabliert worden ist?
Sven Beckert: Also in der
Größenordnung auf jeden Fall, ja.
Ja, weil eben zu diesem Zeitpunkt dann
auch die Baumwolle war das wichtigste
Handelsgut der, der Weltwirtschaft.
Und und es gab dann deshalb
eben eine große großes Interesse
daran, diesen Handel dann zu
rationalisieren und zu vereinfachen.
Und damit spielt die Baumwolle in
dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle.
Klaus Reichert: Innovation entwerfen
und Zukunft einfach machen.
Hallo, Klaus Reichert hier.
Ich bin unabhängiger Berater, kreativer
Business Coach und erfahrener Experte
für Smart Innovation und Business Design.
Ich arbeite remote aus
Baden-Württemberg heraus.
Gemeinsam mit engagierten
Innovationsverantwortlichen und ihren
Teams mache ich Unternehmen innovativer.
Von Visionen, über frische Ideen
und agilen Innovationsmethoden hin
zur Innovationsstrategie, neuen
Geschäftsmodellen, nachhaltigen
Produkten und digitalen Services.
So entstehen innovative,
agile Organisationen mit
Vision, Dynamik und Energie.
Sowie den passenden Vorgehensweisen,
Neues auch enkeltauglich zu entwerfen
und Zukunft einfach zu machen.
Im Smart Innovation Podcast
spreche ich mit engagierten und
kreativen Menschen über Innovation,
Unternehmertum und Verantwortung,
gerade im Kontext des Klimawandels.
Bei unseren Live-Aufnahmen
zum Innovationspodcast können
Interessierte Fragen stellen.
So wird Innovation lebendig
und einfach umsetzbar.
Denken Sie daran, es gibt kein
Ende von Innovation, nur Starts.
In dieser Episode des Smart
Innovation Podcasts bin ich im
Gespräch mit Professor Sven Beckert.
Er ist Professor an der Harvard
University und er ist Historiker.
Wir wollen heute über die Bedeutung
von Welthandel und Standardisierung
als Grundlage für Innovation sprechen.
Wir bauen dabei im Gespräch auf
vor allem zwei Bücher auf, die er
als ein Ergebnis seiner Forschung
als Historiker geschrieben hat.
Es gibt noch mehr sehr lesenswerte Bücher
von ihm, aber wir sprechen heute über
ein Buch, das 2019 erschienen ist King
Cotton eine Geschichte des globalen
Kapitalismus und gerade ist erschienen
Geschichte einer Weltrevolution.
Ein Buch, das nominiert ist für den
deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2026.
Gerade in diesem zweiten Buch zeigt
Sven Beckert sehr gut, wie sich
eine große Anzahl von Innovationen
entwickelt hat über die Zeit hinweg,
über den Handel, über den Welthandel,
vor allem in einem Dreieckshandel
von Sklaven, Rohstoffen und fertigen
Produkten und welche Auswirkungen das
dabei dann auch auf Industrialisierung,
Standardisierung und so weiter eben hatte.
Ich bin da schon, schon sehr, sehr,
sehr gespannt auf jetzt unser Gespräch.
Herr Beckert, schön, dass
Sie heute mit dabei sind.
Sven Beckert: Schön, bei
Ihnen zu sein, Herr Reichert.
Klaus Reichert: Herr Beckert vor
allem King Cotton der englische Titel,
Titel ist mir gerade wieder entfallen.
Sven Beckert: Empire of Cotton.
Empire.
Klaus Reichert: Empire of Cotton,
die beiden Bücher sind nämlich
oder Ihre Bücher sind hauptsächlich
auf Englisch geschrieben, wenn
ich das so verstanden hab.
Sie, Sie arbeiten ja in den USA
jetzt, auch natürlich in Deutschland.
Ich finde es immer wieder sehr
lesenswert, was Sie schaffen.
Ich hab das neue Buch noch nicht
fertig gelesen, da bin ich noch,
ich bin erst am, am Anfang.
Aber das Blöde an Ihren Büchern
ist, die sind so unterhaltsam
und so gut geschrieben, dass man
laufend was nachgucken will, dass
man sich was merkt, dass was man
markiert, dass ich was rauskopiere.
Also da muss ich Sie 'n bisschen
tadeln, das ist nicht so, nicht
so wahnsinnig gut gemacht.
Also bei, bei so, bei so 'nem
Historiker erwartet man eigentlich,
dass es so 'n ganz kleines bisschen
trocken ist, aber bei Ihnen liest
sich das wahnsinnig flüssig.
Danke dafür.
Sven Beckert: Viele Menschen
haben Interesse an der Geschichte,
nicht nur meine Kollegen an der
Universität und ich versuche zu
schreiben für ein breiteres Publikum.
Also ich versuch eben die vielen, vielen
Menschen zu erreichen, die 'n Interesse
an Geschichte haben, aber die Geschichte
nicht wissenschaftlich betreiben.
Klaus Reichert: Ja, ja.
Macht auch absolut Sinn, ja.
Man, man bekommt ganz andere
Blickwinkeln auf die Welt, wenn
man das Thema Geschichte, einen
Blick auf eine Vergangenheit oder
Vergangenheiten dann eben auch hat.
Komplexe Zusammenhänge, die wir heute
haben zum Beispiel, die werden dadurch
natürlich viel nachvollziehbarer.
Das kann ich sehr gut verstehen.
Ich hab selbst in meiner Doktorarbeit
auch viel in die Vergangenheit geguckt,
um bestimmte Dinge besser zu verstehen.
Ich muss sagen, ich bin da etwas
aufgeregt über unserem Gespräch
heute, weil Sie haben eins meiner
Lieblingsbucher, Bücher geschrieben, und
zwar eben King Cotton, Empire of Cotton.
Oh wow.
Und was mir, was das auch mit
ausgelöst hat, ist, ich geh
mittlerweile anders mit Textilien um.
Die, da wurde so viel über
eben Baumwolle gesprochen, über
Dinge, die Baumwolle herumgingen.
Was mich vor allem auch sehr stark
auch beeinflusst hat, war das Thema
Sklavenhandel in diesem Zusammenhang.
Da müssen wir auch gleich vielleicht
noch drauf zu sprechen kommen,
wie das dann abgelaufen ist.
Und, und die Bereitschaft von
Menschen, ihre Nachbarn zu verkaufen
für Geld und feine Kleider.
Das muss ich sagen, das hat mich
nachhaltigst wirklich beeindruckt
beziehungsweise, ja, schon 'n
kleines bisschen geschädigt.
Also danke dafür.
Sorry, das war jetzt ein blöder Einstieg,
aber mir ist aufgefallen, auch beim Buch
mit dem Imperialismus, da ist laufend
kommt das vor, dass eben mit Baumwolle,
Gewürzen und Dings und irgendwas Waffen
Gold und Sklaven gehandelt wurde, ne.
Das ist so, so ein Thema, das
sich, das sich überall durchzieht.
Wir haben auch dann natürlich sehr
viel in Europa mit der Leibeigenschaft,
denke ich mal 'ne Geschichte,
die, die so ähnlich sein könnte.
Und ich wollte jetzt gerade die
Stimmung nicht so dämpfen, aber das
ist etwas, was mir halt da ganz am
Anfang unendlich aufgefallen ist und
wo ich immer wieder dran denken muss.
Jetzt sind Sie Historiker, ja.
Sie, Sie haben einen, einen
ganzen anderen Blick auf die,
auf Geschichte, auf die Zeit.
Sie können mehr oder weniger
laufend Zeitreisen machen.
Wie weit meinen Sie, schaffen
das Nicht-Historiker,
diese Zeitreisen zu machen?
Wie weit schaut ein Nicht-Historiker
zurück, wenn Sie jetzt zum Beispiel
es gewohnt sind, zweitausend Jahre
zum Beispiel zurückzuschauen?
Sven Beckert: Das ist eine, eine sehr
gute und sehr komplizierte Frage,
weil ich glaube es ist verständlich,
dass die meisten Menschen zunächst
mal die Welt um sich herum erklären
aus ihrer eigenen biografischen
Perspektive und dann vielleicht aus
einer lokalen Perspektive oder vielleicht
aus einer nationalen Perspektive.
Und das macht auch komplett Sinn und ist
auch im Großen und Ganzen vernünftig.
Nur dann gibt es Dinge, die sind eben
sehr schwer oder vielleicht unmöglich aus
einer biografischen, lokalen oder selbst
nationalen Perspektive zu verstehen.
Und eine der Dinge, die eben sehr
schwer aus einer solchen biografischen,
regionalen oder nationalen Perspektive
zu verstehen sind, ist der Kapitalismus
der in unserem Leben heute eine
überwältigend wichtige Rolle spielt.
Und zwar sowohl in den allergrößten
Prozessen, die unser Leben strukturieren,
also wie wir arbeiten, wie wir
konsumieren, wie wir produzieren.
Aber auch in einigen der intimsten
Bereiche unseres unseres Lebens.
Und um diesen Kapitalismus eben zu
verstehen, der so wichtig ist und
den wir quasi auch verstehen müssen,
um unser Leben heute verstehen und
organisieren zu können, um diesen
Kapitalismus zu verstehen, brauchen
wir eben eine historische Perspektive
und auch eine globale Perspektive.
Und die historische Perspektive heißt
eben, dass wir auch bereit sein müssen,
diese Zeitreise zu, zu unternehmen,
die Sie gerade erwähnt haben, dass
wir bereit sein müssen, uns in in auch
in die relativ tiefe Vergangenheit,
also bis zu tausend Jahren in die
Vergangenheit zurückgehen müssen, um
diese Entstehung dieser eigenartigen,
bizarren und revolutionären neuen Logik
des Wirtschaftens verstehen zu können.
Und was wir dann mitbringen müssen in
unserem Gepäck quasi auf dieser Zeitreise,
ist die Bereitschaft zu akzeptieren,
dass die Vergangenheit eine eigenartige
Welt ist, die komplett anders ist als
unsere Welt heute und die wir quasi nur
wirklich verstehen können, indem wir
auch die Perspektive dieser vergangenen
Welten einnehmen, also indem wir uns
wirklich auf die Vergangenheit einlassen
und bereit sind zu sehen, dass die
Vergangenheit ein exotisches, eigenartiges
und schwer zu verstehendes Land ist.
Aber ich glaube, wir können das machen.
Also es ist nicht, nicht völlig es ist
vielleicht, es gibt vielleicht Grenzen
wie weit wir da gehen können, aber
vom Prinzip können wir das machen.
Und und das, in allen meinen
Büchern versuche ich eben quasi die
Leserinnen und Leser auf diese Reise
mitzunehmen und in gewisser Weise ein,
so eine Art Tourguide zu sein, ja.
Jemand, der Ihnen eben auch dann gewisse
Hilfen an die Hand gibt, um sich in
dieser vergangenen Welt z-zurechtzufinden.
Und Sie haben jetzt zwei meiner
Bücher erwähnt und, und, und, und die
Bücher sind natürlich, wie auch schon
offensichtlich sein sollte, stehen
im starken Verhältnis zueinander.
Aber chronologisch habe ich eben
das, das erste Buch, was wir jetzt
erwähnt haben King Cotton das das
entstand zunächst mal, weil ich bin-
als ein Historiker der USA ausgebildet
worden und ich beschäftigte mich im
Wesentlichen mit der US-amerikanischen
Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts.
Und da die Baumwolle so wichtig ist für
die amerikanische Geschichte, hab ich
irgendwann mich entschlossen, eben ein
Buch über diese Baumwolle zu schreiben.
Und da ich eben nicht nur Amerikaner
bin, sondern auch Europäer, habe ich
versucht, die Geschichte dieser Baumwolle
aus globaler Perspektive zu erzählen.
Aber es ging im Großen und Ganzen
zunächst mal um die Baumwolle an sich.
Klaus Reichert: Ja.
Sven Beckert: Und als ich dieses Buch
geschrieben hab, wurde mir dann klar,
dass die Geschichte der Baumwolle uns
auch wichtige Dinge mitzuteilen hat
über die Geschichte des Kapitalismus.
Und so wurde ein Buch, das quasi
als Globalgeschichte der Baumwolle
angefangen hat, auch ein bisschen
eine Geschichte des Kapitalismus.
Und als dieses Buch erschienen
ist also das Buch ist sehr positiv
aufgenommen worden, aber eine Kritik
daran war, dass der Kapitalismus mehr
ist als die Geschichte der Baumwolle.
Und da stimme ich natürlich
hundert Prozent mit überein.
Natürlich ist die Baumwolle zwar
extrem wichtig für die Geschichte des
Kapitalismus und vielleicht werden wir
später noch diskutieren, wieso das so
ist, aber es gibt natürlich viel mehr
in der Geschichte des Kapitalismus
als die Geschichte der Baumwolle.
Und das hat mich dann motiviert,
dieses zweite Buch jetzt zu
schreiben Kapitalismusgeschichte
einer Weltrevolution.
Das versucht, die Geschichte des
Kapitalismus insgesamt über die letzten
tausend Jahre und aus einer wirklich
globalen Perspektive zu verstehen.
Klaus Reichert: Ja.
Ja, so hatte ich das auch verstanden, ne.
Das war so 'ne, so 'ne
gewisse Entdeckungsreise,
hab ich's aufgefasst, ja.
Und Sie haben's ja gerade auch gesagt,
dass sich das dann natürlich so 'n bissl
vielleicht auch verselbstständigt hat.
Und man darf ja auch nicht vergessen,
Baumwolle als solches ist im Grunde
ja erst mal einfach da, ne, oder
es wird angebaut zum Beispiel.
Aber da entstehen ja dann Sachen
hinterher draus und da sind sehr
viele Dinge notwendig, um daraus zum
Beispiel Kleidung oder irgendwelche
sonstigen Dinge daraus herzustellen.
Und das ist dann vielleicht auch das,
was Sie dann dazu gebracht hat, dass
auch dieser Handelsanteil, der, der dann
gezeigt hat, Mensch, da ist eigentlich
noch 'n, 'ne, 'ne offene Flanke
da, da, die man noch erklären muss.
Ich würd da gerne noch einhaken
in das Thema Baumwolle.
Also was ich verstanden hab, ist vor
allem auch, wenn wir jetzt sagen mal
circa vierhundert Jahre zurückgehen,
circa nur, dann dann hat man natürlich
schon Welthandel gehabt, den mehrere
oder zwischen Kontinenten gehandelt,
auch über lange Stre-Strecken hinweg.
Das war auch schon vor tausend Jahren so.
Es war vielleicht sogar noch früher so.
Es ist manchmal erstaunlich, was man so
alles bei Ausgrabungen alles findet, ne,
wo man sich dann fragt, woher, wie kam
das so weit eigentlich erst mal daher?
Ich muss dazu sagen, ich hab selbst
auch bei archäologischen Bauaufnahmen
und, und so was mitgemacht früher in,
in der Türkei und in Griechenland, da
kamen solche Sachen halt auch raus.
Ja, das ist ja dann schon spannend.
Und und dann muss man sich
natürlich fragen, wie fing,
wie, wie lief das eigentlich ab?
Wie, wie wurde es transportiert?
Wie hat man denn den anderen vertraut dass
das auch wirklich das Richtige ist, was
da geliefert wird, was versprochen wurde?
Welche Qualität hat das?
Und all diese Dinge, die jetzt
plötzlich da, da dazukommen, wenn man
eigentlich auseinander ist und nicht
schnell mal mit dem Smartphone ein
Foto machen kann und per Internet das
Ganze irgendwie so übertragen kann.
Also so, das war für mich dann der
Einstieg, wo ich gesagt hab: "Mensch,
da ist Baumwolle." Ja, und am Anfang
wurd's halt irgendwie , verschifft.
Aber jetzt hat man gemerkt,
dass man da mehr machen muss.
Wie, wie, wie haben Sie
das beschrieben im Buch?
Wie war das für Sie so in dieser
Entdeckung zu sagen: "Mensch, ich muss,
die Welt muss Systeme quasi schaffen,
um bestimmte Dinge, Fragestellungen nach
und nach eben zu lösen, die um Baumwolle
herum dann auch entstanden sind und um die
Verarbeitung, den Handel mit Baumwolle."
Sven Beckert: Also ich glaube,
da ist zunächst mal wichtig zu
sagen, dass der Handel an sich eine
wichtige Quelle der Innovation ist.
Oft wenn, wenn wir über den Kapitalismus
nachdenken, denken wir vor allen
Dingen über die Industrialisierung,
über die Industrie nach und über,
über, über, über Städte und vor allen
Dingen im, im, im, im, im, im Zuge der
industriellen Revolution nach 1780.
Und wir sehen natürlich, wenn wir
uns die Industrie angucken, sehen wir
natürlich offensichtlich viel Innovation.
Aber was wir dann manchmal verkennen,
ist, dass der Kapitalismus eben älter
ist als die industrielle Revolution, dass
der Kapitalismus nicht aus der Welt der
Industrie entstanden ist, sondern aus
der Welt des Handels und dann vielleicht
aus der Welt der Landwirtschaft.
Und dass die Industrie quasi ein
Kind des Kapitalismus ist, aber
nicht der Anfang des Kapitalismus.
Ja.
Und wenn wir jetzt also sehen, dass der
Kapitalismus, und die kapitalistische
Logik des Wirtschaftens aus der Welt
des Handels entstanden ist, dann
können wir zum Beispiel sehen, dass
dass, dass diese, diese Logik des
Wirtschaftens in der Welt des Handels
schon, schon lange zurückreicht.
Und zwar, wie Sie gesagt haben, sicherlich
tausend Jahre und vielleicht auch noch
auch noch, auch noch länger und dass
der Kapitalismus quasi in dieser Welt
des Handels entstanden ist und in der
Welt, und in der Welt der Weltwirtschaft.
Also die, die globalen Verbindungen
waren ursächlich mit der Entstehung
des Kapitalismus verbunden.
Und wie Sie auch gesagt haben der Handel
in, im Mittelalter war, war schwierig,
weil es war es war also es war einmal
schwierig überhaupt-- die meisten
Menschen haben ihr Wirtschaftsleben nach
ganz anderen Prinzipien organisiert.
Sie waren entweder Subsistenzlandwirte
oder sie waren Feudalherren, die
Reichtum angehäuft haben, indem sie
die Bauern gezwungen haben, einen
Teil ihrer Produktion abzugeben.
Klaus Reichert: Das fand ich übrigens
toll zu lesen, also wie Sie im,
im Kapitalismus auch beschrieben
haben mit Feudalherrschaft.
Da habe ich gar nicht dran gedacht,
dass das natürlich 'ne wirklich
gute Einnahmequelle ist, ja.
Sven Beckert: Man, also es gibt eben
auch viel Reichtum in der Welt vor
dem Kapitalismus, aber der Reichtum
ist anders wird anders produziert
als als in der Welt des Kapitalismus.
Also es, es, einmal, es gibt eben recht
wenige Menschen auf der Welt, die ihr,
ihr, die ihre, ihr Wirtschaftsleben um
diese kapitalistische Logik organisieren.
Aber es gibt sie in vielen, vielen
verschiedenen Orten der Welt, in China,
in Indien, in Ostafrika, Westafrika,
in der arabischen Welt, in Europa.
Und und, und diese Kaufleute handeln
jetzt mit, mit, mit im Großen und Ganzen
mit wertvollen Gütern, weil alles andere
lohnt sich nicht zu transportieren.
Und sie sie werden wohlhabend, weil
sie diesen Handel über weite Strecken,
also über, über große geographische
Entfernungen or-organisieren.
Und das bringt natürlich alle
möglichen Probleme mit sich.
Zum Beispiel bringt es das
Problem mit sich, dass dass der
Handel extrem risikoreich ist.
Dass das, das Schiff, das man in
den Indischen Ozean schickt aus
der arabischen, von der arabischen
Welt, ist, ist vielleicht ein Jahr
unterwegs, bis es wiederkommt.
Und dazwischen kann es also Stürme geben,
die zum Untergang des Schiffes führen.
Es kann Rebellion geben,
der, der, der Seemänner.
Es kann konfisziert werden,
irgendwo anders in der Welt, wo
es, wo es, wo das Schiff anhält.
Klaus Reichert: Untergehen.
Sven Beckert: Es kann untergehen.
Also es gibt unglaublich viele
Gründe, wieso dieses Schiff nie
wieder zurückkommen wird und man nie
wieder von diesem Schiff hören wird.
Und da versuchen natürlich
dann die Kaufleute quasi
ihr Risiko zu zu minimieren.
Und dafür schaffen sie zum Beispiel
Institutionen wie wie die wie wie, wie
die Schaffung von Unternehmen, in denen
jetzt verschiedene Investoren einen Teil
dieser, dieser Schiffsreise finanzieren.
Klaus Reichert: Ja.
Sven Beckert: Und dann eben auch nur einen
Teil des Gewinnes bekommen, aber eben
auch nur einen Teil des Risikos tragen.
Ja.
Dann gibt es das Problem, dass dass
Kapital Geld über, über große Distanzen
transportiert werden müssten, muss.
Und natürlich ist es sehr riskant,
jetzt zum Beispiel Gold oder Silber
über die Meere zu verschiffen.
Also werden werden neue Werkzeuge
von Kaufleuten erfunden, die es
ihnen ermöglicht, auf quasi auf
Papierbasis Geld in, in, in andere
Regionen der Welt zu schaffen.
Es gibt de-- Es gibt schon im Mittelalter
erste Versuche an, zu versichern,
Handel, Handels, Handel zu versichern.
Also es entsteht aus dieser Welt
des Handels signifikante Innovation
und, und diese Innovationen sind
natürlich dann wichtig, nicht nur für
die Frühgeschichte des Kapitalismus,
sondern sie sind noch wichtig bis zum
heutigen bis zum, bis zum heutigen Tag.
Und, und die traditionelle Geschichte
über diese Inno-Innovation ist, dass
das also im Wesentlichen europäische
Kaufleute waren, die das erfunden haben.
Aber das stellt sich als als nicht ganz
richtig dar, weil also viele dieser,
dieser Werkzeuge, um den Handel zu
organisieren entstanden genauso gut
in, in der Welt indischer Kaufleute,
chinesischer Kaufleute oder vor
allen Dingen in der arabischen Welt.
Also eine ganz bedeutender ganz
bedeutende Quelle der Innovation in
diesen finanziellen Transaktionen
und der Organisation des Handels
war tatsächlich im Mittelalter die
arabische Welt, weil das eben auch
das Zentrum des globalen Handels war.
Klaus Reichert: Ja.
Interessanterweise fangen Sie ja im
Buch im Kapitalismus-Buch an mit Aden.
Ja.
Ja, in der Gegend, wo heute
so viel Trubel ist, ja.
Und ich dachte mir: „Mensch, warum
schreibt der nicht über die Hanse?"
Und dann ist mir aufgefallen:
Okay, Hanse ist eben das nicht
und kam vor allem viel später.
Ja.
Aber die Hanse macht's uns natürlich
vielleicht ein bisschen deutlicher
als Deutsche zum Beispiel, das
zu verstehen, worum's da ging.
Aber so'n ganz, ganz paar wichtige Punkte
waren auch, die sind mir jetzt gerade
vor Kurzem in Vlissingen aufgefallen,
wo wir Urlaub gemacht haben und wo wir
in dem, in dem Haus eines bedeutenden
damaligen Handels- Kaufmann waren,
der sehr reich in der Gegend war.
Am Anfang fahren die Leute alle
gemein, also selbst los und versuchen
sozusagen ihr Glück zu machen,
schaffen das oder schaffen's nicht.
Sind ja nicht alle sozusagen
wieder zurückgekommen.
Das hat auch nicht immer geklappt.
Und irgendwann mussten die ja
zum-- Und dann haben die die Waren
auch selber gesehen, zum Beispiel.
Dann haben die den Markt auch beobachtet.
Dann wussten die, was auf den Märkten,
wo sie unterwegs waren, bei sich zu
Hause oder unterwegs auch, was da
so nachgefragt war, zum Beispiel.
Ja, aber irgendwann ging's ja auch
dazu über, Sie haben's auch gesagt,
Handelskompanien in irgendeiner
Form zu gründen, in dem Sinne fast
Aktiengesellschaften, wenn man
so möchte, was ja dann auch kam.
Aber vor allem, man hat delegiert.
Man hat andere Menschen geschickt, etwas
zu tun, und denen musste man vertrauen.
Ja, jetzt musste man auch dem Produkt
vertrauen, das man da bekommt, der
Qualität und so, und all diesen Dingen.
Also das sind ja dann auch
Themen, die plötzlich dazukommen.
Informationsnetzwerke,
die aufgebaut werden.
Sie haben schon gesagt, Geld verschicken,
das fand ich auch interessant,
dass es da gerade im arabischen
Raum eben schon Systeme dafür gab,
so was über Distanzen zu machen.
Und zwar ohne Internet, ne, und
ohne Morse und was weiß ich.
Ohne Telefon.
Ohne Telefon, ja.
Wie geht so was eigentlich?
Ja, ist ja unglaublich.
Sven Beckert: Briefe, Briefe.
Leute haben viele Briefe geschrieben
und das ist auch ganz toll für
uns heute, weil diese Briefe eben
manchmal überliefert sind und wir
diese Briefe auch lesen können.
Und das Erstaunliche ist also, selbst wenn
man, es gibt Briefe zwischen Kaufleuten
aus dem zwölften Jahrhundert und wenn
man diese Briefe liest, das Erstaunliche
ist, dass wir sofort verstehen, um was es
in diesen Briefen geht, weil die Logik,
die, die, die diese, diesen Transaktionen
unterliegt, ist eben eine Logik, die uns
heute völlig bekannt ist, weil die unser
Leben heute sehr stark strukturiert.
Aber zu der Zeit, als diese Kaufleute
diese Briefe geschrieben haben,
waren die Kaufleute eben exotisch.
Ja, sie waren, sie waren ganz,
ga-- Sie organisierten ihr Leben
nach ganz anderen Prinzipien
als die Mehrheit der Menschheit.
Klaus Reichert: Ja, und das haben
Sie ja vorhin schon angesprochen, ne.
Bauern, die für sich selbst hauptsächlich
produziert haben und für die Feudalherren.
Und dann die Feudalherren, die
sozusagen davon auch mit gelebt haben.
Bauern, die vielleicht in
Leibeigenschaft lange Zeit waren
oder zumindest nicht so sehr über
ihre Schicksal bestimmen konnten.
Solche Themen waren sicher sehr,
sehr wichtig da lange Zeit.
Und dann waren zwischendrin
die Leute, die gehandelt haben.
Und Sie haben das auch im Buch
angesprochen, dass da einfach eigene
Sprachen, eigene Abläufe und so was
entstanden sind, die mehr oder weniger
an verschiedenen Stellen entstanden
sind, aber ähnlich sozusagen ausgeprägt
waren, unter anderem, weil sie eben die
gleichen Probleme versucht haben zu lösen.
Sven Beckert: Und deshalb argumentiere
ich eben, dass der Kapitalismus quasi
global auf die Welt gekommen ist.
Also er ist aus dieser
Weltwirtschaft heraus entstanden.
Klaus Reichert: Was mir, was mir an
der Stelle mal noch wi-wichtig war, war
bei dem Thema Baumwolle fand ich A das
Thema Größe des Packens, also der des,
der Einheit oder wie immer auch, ne.
Dass es nicht einfach beliebige Mengen
in dem Sinne war, die man gekauft
hat, sondern dass man gesagt hat:
„Mensch, ich kauf jetzt so und so viel
Ballen", oder was immer das dann war.
Und das andere war Qualitäten, die
man irgendwann gesetzt hat, dass
man gesagt hat: „Okay, es gibt halt
irgendwie erste Wahl, zweite Wahl,
dritte Wahl", oder was immer auch
das dann, wie das definiert war.
Könnten Sie da vielleicht noch mal
kurz drauf eingehen, bevor wir dann
irgendwann natürlich auch so, ich sag
mal, auch zu diesen gesellschaftlichen
Innovationen au-aus dem Kapitalismus,
aus dem Handel dann eben kommen.
Sven Beckert: Ja, also das
ist jetzt viel, viel später.
Also da sind wir dann schon im 19.
Jahrhundert.
Klaus Reichert: Ja.
Sven Beckert: Oder
vielleicht im späten 18.
Klaus Reichert: Aber das war ja
so 'ne gewisse, so 'ne Vorform
auch oder 'ne Grundbedingung
für, für Industrialisierung, wenn
ich das richtig verstanden hab.
Ja, ja, ja.
Diese Standardisierung, ja.
Sven Beckert: Auf, auf,
auf, auf, auf jeden Fall.
Also die mit, mit dem, mit
der, mit dem Beginn der
Baumwolltextilfertigung in, in Europa.
Das, das wirklich in, in
bedeutendem Maßstab erst im 18.
Jahrhundert angefangen hat, obwohl also in
Europa auch Baumwolltextilien schon im 14.
Jahrhundert hergestellt worden sind,
aber in sehr, sehr kleinen Mengen.
Aber dann innerhalb im, im Laufe des 18.
Jahrhunderts nimmt die Baumwollproduktion
zunächst mal ohne Mechanisierung, also
ohne neue Fabriken, nimmt in Europa zu.
Und Europa wird zum einzigen
baumwollproduzierenden Gebiet
der Welt, in dem im Großen und
Ganzen keine Baumwolle wächst.
Klaus Reichert: Ja, ja.
Sven Beckert: Also die Baumwolle
ist natürlich viel, viel älter.
Also auch die Baumwollindustrie
ist viel, viel älter.
Die Baumwollindustrie ist
etwa viertausend Jahre alt.
Aber im Großen und Ganzen hat sich
die Baumwollindustrie durchgesetzt.
Zunächst in Regionen, in denen die
Baumwolle angebaut worden ist und
dann eben auch verarbeitet worden
ist, zu, zu gesponnen worden ist,
gewebt worden ist und dann zu
Textilien verarbeitet worden ist.
Das war in Europa anders.
Also die Baumwolle kam aus
anderen Regionen der Welt.
Und oft aus sehr fernen Regionen der Welt.
Also zum Beispiel kam im Anfang des 18.
Jahrhunderts kam die Baumwolle in Europa
noch im Wesentlichen aus Westafrika und
aus Indien, die eben damals schon 'ne
starke europäische Präsenz auch zeigten.
Und diese Baumwolle wurde von
lokalen Bauern hergestellt, die
sie in die Hafenplätze gebracht
haben und die sie dort dann an
europäische Kaufleute verkauft haben.
Und diese Baumwolle war quasi in in
Säcken gepackt und und, und wurde so
dann eben auch nach Europa, also vor
allen Dingen nach Liverpool, verschifft.
Und in Liverpool gab es dann
Kaufleute, die diese Baumwolle quasi
an Produzenten vermittelt haben.
Und die sind von einem Schiff zum nächsten
gegangen und von einem Sack Baumwolle
zum nächsten Sack Baumwolle und haben
sich diese Baumwolle angeguckt, also
physisch inspiziert und dann entschieden,
was für eine Art von Qualität das ist
und sie dann an die entsprechenden
Produzenten weiter, weiterverkauft haben.
Das ging alles so ganz gut, als
die Quantität der Baumwolle, die
nach Europa verschifft worden
ist, eben relativ begrenzt war.
Aber dann Ende des 18.
Jahrhunderts setzt eben die
Industrialisierung ein und die
Industrialisierung setzt eben
in der Baumwollindustrie ein.
Und plötzlich braucht die
europäische Baumwollindustrie
ein Vielfaches an Baumwolle, viel
größere Quantitäten an Baumwolle.
Und einzelne Fabriken verarbeiten jetzt
unglaubliche Quantitäten an Rohbaumwolle.
Und Anfang des 19.
Jahrhunderts wird es dann impraktikabel
für Kaufleute, sich jeden Sack Baumwolle
anzusehen und dann entsprechend der
jeweiligen individuellen Qualität
eines jeden Sackes Baumwolle und auch
der Menge, die in diesem Sack ist,
dann quasi einen Preis zu verhandeln.
Und stattdessen setzt
sich dann Anfang des 19.
Jahrhunderts bemühen sich die
Kaufleute von Liverpool, diesen
Handel quasi zu standardisieren,
sodass es nicht mehr notwendig ist,
sich jeden Sack Baumwolle anzugucken.
Und wie Sie gesagt haben, sie
standardisieren den Handel in Baumwolle
in zwei verschiedene Art und Weisen.
Einmal, dass die, dass die Quantität der
Baumwolle pro Ballen, also pro der, der,
der, der Einheit, in der diese Baumwolle
gehandelt wird relativ präzise festgelegt
wird und dann eben auch oft schon am
Ort der Produktion, also zum Beispiel
dann in den USA oder in Brasilien und
der Karibik in der Art verpackt worden
ist, ja, also diese Größen-Größe dann
sich schon auf dem Schiff befindet,
das auf dem Weg nach Europa ist.
Und zweitens gibt es eben ganz
unterschiedliche Qualitäten an Baumwolle.
Und und diese Qualitäten an Baumwolle
versuchen jetzt die Liverpooler Kaufleute
auch zu standardisieren und festzulegen.
Und im Anschluss dessen ist es dann
möglich für einen Baumwollindustriellen,
sagen wir in Manchester oder in
Glasgow, oder auch in in, in Leipzig
ist es dann möglich, ein eine bestimmte
Menge Baumwolle einer bestimmten
Qualität zu bestellen, ohne diese
Baumwolle jemals inspiziert zu haben.
Und das ist natürlich eine enorme
Vereinfachung des Handels und in gewisser
Weise eine enorm wichtige Innovation, die
sich später eben auch auf andere Rohstoffe
wie zum Beispiel den Weizenhandel
oder den Zuckerhandel ausdehnt.
Und wiederum, das ist wiederum eine
Innovation, die absolut grundlegend
ist für die Weltwirtschaft, die aber
eben aus der Welt des Handels kommt.
Klaus Reichert: Kann man sagen, dass
das der, der Handel mit Baumwolle die
erste Standardisierung war, zumindest
die weltweit etabliert worden ist?
Sven Beckert: Also in der
Größenordnung auf jeden Fall, ja.
Ja, weil eben zu diesem Zeitpunkt dann
auch die Baumwolle war das wichtigste
Handelsgut der, der Weltwirtschaft.
Und und es gab dann deshalb
eben eine große großes Interesse
daran, diesen Handel dann zu
rationalisieren und zu vereinfachen.
Und damit spielt die Baumwolle in
dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle, ja.
Also heute ist natürlich, wenn
wir heute uns die Weltwirtschaft
angucken, gibt's nicht viele Leute,
die quasi sagen: „Okay, wir müssen
mit der Baumwolle anfangen", ja.
Weil das natürlich auch nicht unsere
Weltwirtschaft heute repräsentiert.
Aber da ist eben diese Zeitreise,
von der Sie früher, vorher
gesprochen haben, ist eben wichtig.
Wir müssen uns eben in das 18.
Jahrhundert oder Anfang des 19.
Jahrhunderts zurückversetzen und, und
dann sehen wir, ja, dass die, dass die
Baumwolle von überwältigender ökonomischer
Bedeutung ist, sowohl für verschiedene
nationale Ökonomien, regionale Ökonomien,
aber auch für die Weltwirtschaft.
Ja, und dann verstehen wir eben
sehr viel besser, wieso aus dieser
bestimmten Industrie jetzt ein
erheblicher Innovationsschub kommt.
Klaus Reichert: Okay.
Da kann man wahrscheinlich jetzt
endlos drüber sprechen, was
vor allem auch an technischen
Innovationen daraus entstanden ist.
Wir waren zum Beispiel schon in Glasgow.
Da gab, gibt's dieses
UNESCO-Weltkulturerbe
New Lanark, hieß das.
Ja.
Das ist eine Baumwollverarbeitung.
Sehr, sehr sehenswert zu sehen,
auch die Entwicklung dort.
Wir wollten ja dann auch zum Kapitalismus
noch weitergehen, aber was mir da noch
in dem Kontext aufgefallen ist, ist,
das bedeutet ja aber auch, dass es
eine große Nachfrage nach Baumwolle
gegeben hat beziehungsweise nicht
nach Baumwolle, sondern nach Stoffen.
Also das heißt, man hatte
vorher vielleicht Wollstoffe,
Flachsstoffe oder so was.
Und Baumwolle hatte sicher sehr viele
Vorteile, konnte vielleicht auch günstiger
herstellen am Ende oder verarbeiten.
Aber das heißt andersrum betrachtet,
auf der Marktseite gab es ja
dann auch eine riesige Nachfrage.
Gibt's da noch etwas, wo Sie sagen können,
Mensch, das habe ich so und so beobachtet?
Oder hat es was mit Mode zu tun?
Reden wir von Kleidung hauptsächlich?
Sind's Industrietextilien
in irgendeiner Form?
Tischdecken?
Ich weiß es nicht, ne.
Also das heißt, da muss irgendwie eine
Veränderung in der Gesellschaft passiert
sein, damit so viel davon gebraucht wurde.
Sven Beckert: Ja, eine sehr gute Frage.
Es ist, es ist alles, aber aber das
ist eine, eine sehr wichtige Frage,
weil der Markt spielt tatsächlich
eine extrem wichtige Rolle in der
Geschichte der Industrialisierung.
Weil, da müssen Sie sich auch wieder
in die Vergangenheit zurückversetzen.
Wenn Sie die Welt um 1760 betrachten,
gibt es eben in dieser Welt keine,
keine, keine Fabriken, keine groß
angelegte mechanisierte Produktion.
Und es gab nun dann zu diesem
Zeitpunkt in England einige Erfinder,
die neuartige Maschinen hergestellt
haben, um die, um die Produktion von
Baumwolle produktiver zu organisieren.
Und das war natürlich mit einem
erheblichen Risiko verbunden.
Es, es, es erforderte zum Beispiel
sehr viel höhere Investitionen, eine
Baumwollfabrik aufzubauen, als die
Baumwolle einfach zu Bauern nach
Hause zu schicken, die sie zu Hause
dann mit der Hand gesponnen haben
und auch mit der Hand gewebt haben.
Also es musste, um diesen Schritt zu
gehen, musste es quasi eine gewisse
Sicherheit geben, dass es einen
profitablen, großen und dynamischen
Markt für die Produkte dieser
neuartigen Fabrikation geben würde.
Und das gab es mit der, das
gab es mit der Baumwolle.
Und das gab es mit der Baumwolle und
das führt uns dann wieder zurück in
die ganze Welt, weil die Baumwolle
war für die letz-- seit fünfhundert
Jahren in etwa die weltwichtigste
Form von Manufakturproduktion.
Also keine andere Industrie war
in der Welt wichtiger als die
Produktion von Baumwollwaren.
In in, in, in Teilen von Südamerika,
in, in auch in China dann in, aber ganz
besonders in Südasien, in Indien war,
war, war die Baumwollindustrie sehr groß
und sehr dynamisch und extrem wichtig für
die, für die, für die lokale Ökonomie.
Und in gewisser Weise war es, ist nur
auf dem europäischen Kontinent, dass die
Baumwolle quasi keine Rolle gespielt hat.
Und zwar keine Rolle gespielt hat,
weil eben in, wie wir vorhin diskutiert
haben, in Europa keine Baumwolle wuchs.
Jetzt war es aber so, als die Europäer
nach Asien gekommen sind im 16.
Jahrhundert, haben sie angefangen, im
großen Stil, indische Baumwolltextilien
nach Europa zu importieren.
Also es waren die Produktion indischer
Spinner und indischer Weber, die
zunächst mal die Baumwolltextilien
nach Europa gebracht haben.
Und diese Baumwolltextilien
wurden sehr populär.
Also zum Teil, weil eben Baumwolle
bestimmte Qualitäten hat.
Ja, sie ist eben angenehmer zu
tragen, vor allen Dingen in warmen
Gegenden als, als Wolle und sie
lässt sich auch leichter verarbeiten.
Und die die vor allen Dingen die indischen
Produzenten waren in der Lage, diese
Baumwolle auch sehr bunt zu bedrucken
und mit, mit Mustern zu versehen.
Und das sprach die ästhetischen Interessen
vor allen Dingen der Aristokratie
an, also von reichen Europäern.
Zunächst mal war die, waren
Baumwolltextilien in Europa ein
Produkt, das im Wesentlichen für
reiche für, für reiche Menschen
aus Asien importiert worden ist.
Und aber, aber der, aber der Geschmack,
also als die Europäer quasi erst mal
auf den Geschmack gekommen sind von,
für Baumwolltextilien, haben sie immer
mehr Baumwolltextilien aus Indien nach
Europa importiert und dann eben auch
angefangen, sie selber zu produzieren.
Also der Markt, der europäische
Markt selber war sehr, sehr wichtig.
Und dann kam noch hinzu, dass die
Europäer eben auch in die Amerikas, nach
Nord und Südamerika gegangen sind und
dort auch eben sehr viele Sklaven nach
Nord- und Südamerika exportiert haben.
Und im Wesentlichen haben sie diese
Sklaven in, an der afrikanischen
Küste von afrikanischen Kaufleuten
erworben durch mit der Hilfe
von indischen Baumwolltextilien.
Also die, die Europäer haben indische
Baumwolltextilien aus Westindien
nach Westafrika verschifft und
dort sie dann eingetauscht für, für
versklavte, für versklavte Afrikaner.
Und das war quasi ein zweiter
sehr dynamischer Markt für
Baumwolltextilien, auf den sich dann
auch viele vor allen Dingen britische
Industrielle konzentriert haben.
Also der Markt, die Entstehung eines
Marktes und die Expansion eines Marktes
waren sehr wichtig für die technischen
Innovationen, die in der industriellen
Fertigung dann später dazu kamen.
Klaus Reichert: Sie haben's gerade
angesprochen, dieser, dieser Handel,
der dann entsteht, weil man eben
etwas hat, was man eintauschen,
verkaufen und sonst was hat gegen was
anderes, ne, sonst geht's ja nicht.
Man muss ja irgendwie eine Grundlage
haben und dann da mehr draus machen.
Da kommen wir auch schon so langsam
wieder zum Kapitalismus, denke ich mal.
Aber jetzt so als Zwischenfrage: Was mir
da auch aufgefallen, Sie sprechen ja auch
dann von diesem Dreieckshandel, der sich
dann eben über den Atlantik hinweg auch
aufbaut, eben mit dem Verkauf von Sklaven,
mit der Verschiffung von Sklaven, mit der
Verschiffung von Rohbaumwolle, mit der
Erzeugung von Textilien, die dann wieder
und so, und so zu 'nem Kreislauf kommen.
Was mir da immer wieder auffällt, ist:
Wie normal war das, Sklaven
Menschen als Ware zu sehen?
Sven Beckert: Ja, das war eben
leider sehr zentral für die globale
Wirtschaft, für eine, für eine
bestimmte Periode ihrer Geschichte.
Und ich meine, vielleicht sollten wir
da, wir, wir sehen eben, dass, also
die industrielle Revolution findet
in der Baumwollindustrie statt.
Ja.
Und die industrielle Revolution
ist eine der wichtigsten Ereignisse
der Menschheitsgeschichte
der letzten tausend Jahre.
Klaus Reichert: Ja.
Sven Beckert: Und sie findet lokal statt.
Sie findet zunächst mal auf den
britischen Inseln statt und dann
auch auf dem europäischen Festland.
Aber wir können diese Geschichte
nur verstehen, wenn wir sie eben
global einbetten, wie wir eben schon
angefangen haben zu machen, wenn wir
über die Märkte geredet haben, wenn
wir über die technischen Innovationen
geredet haben, die aus Indien kamen,
in die, in die, in die europäische,
in die europäische Produktion.
Und dann, wie Sie eben gesagt haben,
ja, wo kommt die Rohbaumwolle her?
Nach bald ab Mitte des neun-- achtzehnten
Jahrhunderts kommt die Rohbaumwolle
im Wesentlichen aus der Karibik,
Brasilien und dann insbesondere Ende des
achtzehnten Jahrhunderts aus den USA.
Und dort wird die Baumwolle quasi
ausschließlich von versklavten
Arbeitern produziert und diese Arbeiter
sind natürlich importiert worden
nach in die Amerikas aus Afrika.
Also da sehen Sie, dass diese sehr
lokale Entwicklung, nämlich die
britische industrielle Revolution, tief
eingebettet ist in globale Verbindungen,
die von Indien über Westafrika
nach Nord- und Südamerika reichen.
Klaus Reichert: Also das bedeutet ja
auch, dass natürlich zumindest Impulse,
zum Beispiel für Technologien oder wir
hatten es vorhin angesprochen, für die Art
und Weise, wie gehandelt wurde, wie Geld
transferiert wurde und so weiter, eben
über die gesamte Welt hin- und hergegangen
sind und dann durch Erfahrungen und
Nutzung und so weiter, aber auch natürlich
vielleicht durch, ja, auch mal gezielte
Forschung eben weiterentwickelt worden
sind und dann auch mitgeholfen haben,
sozusagen diese, diese Industrialisierung
in England, aber zunehmend dann
auch eben in Europa aufzubauen.
Sven Beckert: Ja und die, also wenn wir
über Innovation reden, ist natürlich
dann auch eine wichtige Innovation.
Es findet natürlich dann auch in
der Fertigung statt, in der, in der
industriellen Revolution selber.
Und, und da ist aber auch bemerkenswert,
dass, dass, dass die Innovation zum
Beispiel im Bereich des mechanischen
Spinnens der Baumwolle dass die, dass
die Menschen, die diese, diese Dinge
erfinden, die diese Maschinen zum
ersten Mal bauen, sind nicht Leute,
die aus Universitäten kommen und
irgendwelche tollen Abschlüsse haben.
Sondern das sind im Wesentlichen
gelernte, gut ausgebildete Arbeiter,
die in diesem Prozess selber, die
selber an dieser Produktion teilhaben
und dann aus dieser Erfahrung schöpfen,
um neuartige Maschinen zu produzieren.
Also heute ist die Innovation natürlich
im Wesentlichen an Universitäten
und Forschungseinrichtungen von, von
Unternehmen und so weiter zu finden.
Aber das ist noch ein Moment, in
dem die Innovation quasi aus dem
Arbeitsprozess selbst heraus entsteht.
Klaus Reichert: Wir haben jetzt
gerade auch zum ersten Mal die,
das war Spinning Jenny und es gibt
vielleicht noch eine andere Jenny
gesehen, diese ersten Spinnmaschinen.
Sehr, sehr spannend.
Das konnte ich mir lange nicht vorstellen.
Wir haben's gerade angesprochen mit
der Standardisierung, die notwendig
war, um Prozesse zu vereinfachen, um
Vertrauen quasi auch zu schaffen, die
vieles einfacher gemacht haben entlang
der gesamten Kette, über den Handel
über große Distanzen hinweg, aber auch
natürlich innerhalb jetzt vielleicht,
also starke Vereinfachung zum Beispiel
innerhalb von England selbst gebracht hat.
Da würde ich mal sagen, müssen wir jetzt
einfach mal einen Haken dran machen.
Jetzt war das Ganze natürlich eingebettet
in dieses Thema, wir kommen ja auch
zum Kapitalismus, erst mal Richtung
industrielle Revolution, Verbindung.
Dazu braucht man sehr viel Kapital.
Also ist es auch so, dass wahrscheinlich
Händler in die Produktion irgendwie
mit eingegriffen haben oder das mit
aufgebaut haben, ja, mitfinanziert haben,
sich zusammengetan haben mit Tüftlern.
Ja, so könnte ich mir das vorstellen.
Und dann eben mit dem notwendigen
Kapital tatsächlich auch solche
Maschinen haben entstehen lassen.
Das ist ja schon mal außergewöhnlich,
kann man vielleicht auch so sagen,
aber es gibt ja noch viele, viele
andere Dinge, die da entstanden sind.
Und Sie haben's, was mir schon,
die man vielleicht so als
gesellschaftliche Innovation dann
bezeichnen könnten, die dann in dem
Sinne zum Kapitalismus geführt haben.
Und da haben Sie ja auch eine andere
Definition wie das, was landläufig
so im Kontext auch von Kommunismus,
Sozialismus und so weiter eben genannt
wird für das, den Kapitalismus.
Könnten Sie da drauf kurz erst
eingehen, dass wir verstehen,
was Sie damit meinen oder was man
vielleicht damit meinen könnte?
Sven Beckert: Ja, also viele haben
sich den Kopf zerbrochen, wie der
Kapitalismus zu definieren sei und ich
hab mir darüber auch den Kopf zerbrochen,
aber letztendlich fand ich dann
eigentlich ist die Antwort recht simpel.
Nämlich der Kapitalismus ist eine
eigenartige, bizarre und revolutionäre
Logik des Wirtschaftens, die davon
angetrieben wird, dass privates Kapital
produktiv investiert wird mit dem
Ziel, weiteres Kapital zu erzeugen.
Also ich glaube, das ist
der Kern des Kapitalismus.
Natürlich gehen dann
andere Sachen damit einher.
Und natürlich, und das ist auch
ein, eines der wichtigen Argumente
des Buches über den Kapitalismus.
Der Kapitalismus hat sich extrem
gewandelt über die letzten Jahrhunderte.
Der Kapitalismus ist undogmatisch,
im Gegensatz zu vielen Leuten, die
über den Kapitalismus schreiben.
Und der Kapitalismus zeigt
auch große Vielfalt an, in
jedem bestimmten Zeitpunkt.
Also zum Beispiel heute ist der
nigerianische Kapitalismus, um
ein Beispiel zu nennen, anders als
der amerikanische Kapitalismus.
Also der Kapitalismus ist von großer
Vielfalt gekennzeichnet und wir können
Momente beobachten im Kapitalismus,
wo Kaufleute im Zentrum standen.
Wir können andere Momente
beobachten, zum Beispiel Ende des 19.
Jahrhunderts, in dem Industrielle
im Zentrum des Kapitalismus standen.
Und dann können wir Momente beobachten,
in dem die Sklaverei eine wichtige Methode
der Arbeitskräftemobilisierung ist.
Und dann können wir Momente beobachten,
in denen die Lohnarbeit ein wichtiger Teil
der Mobilisierung von Arbeitskräften ist.
Also der Kapitalismus ist durch große
Vielfalt gekennzeichnet, aber obwohl
es diese Vielfalt gab, ist der Kern,
nämlich die produktive Investition
von privatem Kapital mit dem Ziel,
weiteres Kapital zu erzeugen, ist
in allen diesen unterschiedlichen
Formen des Kapitalismus gleich.
Und ich glaube, das ist das, was
einmal den Kapitalismus von anderen
Wirtschaftslogiken unterscheidet.
Und das ist auch das was, was den
Kern des Kapitalismus ausmacht.
Klaus Reichert: Also das heißt, wir
dürfen da wenn wir jetzt Ihr Buch lesen,
dürfen wir nicht einfach dran denken,
Mensch, da ist es jetzt politisch,
dogmatisch, wie auch immer, Kapitalismus.
Ich hab die anderen Sachen
schon vorhin genannt.
Sondern es ist etwas ganz Fundamentales,
nämlich Kapital einzusetzen,
um mehr Kapital zu schaffen.
Also wir reden von Zinsen
zum Beispiel oder vom Aufbau
von Produktionsmöglichkeiten,
schnelleren Schiffen und, und, und.
Sven Beckert: Ganz, ganz, ganz,
ganz, ganz und das ist also Märkte.
Es wird, oft wird der Kapitalismus
g verstanden als eine, eine,
eine W-Wirtschaftsform, die
durch Märkte definiert ist.
Und natürlich sind Märkte wichtig im
Kapitalismus, keine, keine Zweifel daran.
Aber Märkte haben, soweit ich
weiß, in allen menschlichen
Gesellschaften existiert.
Also es ist nicht kein, ein
Alleinstellungsmerkmal des Kapitalismus.
Manchmal wird der Kapitalismus quasi
definiert durch den Handel, aber
Handel hat auch in allen menschlichen
Gesellschaften, soweit ich weiß, in
gewisser Weise Weise exis-existiert.
Reichtum hat in allen menschlichen
Gesellschaften existiert.
Aber wie wir vorhin diskutiert haben,
der feudale Herr ist auch reich
gewesen, aber ist reich geworden in
einer ganz anderen Art und Weise als
der Industrielle, der in Manchester
eine Baumwollfabrik aufgebaut hat.
Also das ist eben auch dann
wichtig, spezifisch zu sein.
Und und ich glaube, das ist das,
was den Kapitalismus zusammenhängt
und was ihn auch so radikal macht.
Also ich bezeichne in meinem
Kapitalismusbuch bezeichne ich den
Kapitalismus als ein, als, als, als die
überhaupt allerwichtigste Revolution
der menschlichen Angelegenheiten
im, in den letzten tausend Jahren.
Und, und ich, und ich, und ich, ich
glaube, das ist, das ist akkurat.
Der Kapitalismus hat die
Welt auf den Kopf gestellt.
Oft wird der Kapitalismus als
etwas Konservatives angesehen,
ja, aber das ist das Gegenteil
von dem, was er tatsächlich ist.
Der Kapitalismus ist nicht konservativ.
Der Kapitalismus ist ein Zustand
der permanenten Revolution.
Klaus Reichert: Okay, darauf wollte
ich nämlich gerade noch hinausgehen.
Also es ist so eine Art Rolling Stone, ne.
Es passiert immer was, wird immer mehr,
nimmt andere Formen an und so weiter.
Da könnte man aber dann auch sagen,
na ja ist, ist China kapitalistisch?
Sven Beckert: Das ist so
ziemlich die schwierigste Frage,
die Sie mir stellen können.
Also-
Entschuldigung.
Und also, also unzweifelhaft und ich
glaube, das ist also quasi nicht nicht
kontrovers, kann man sagen, dass China
insbesondere heute oder in den letzten
zwanzig Jahren ein extrem wichtiger Teil
der kapitalistischen Weltökonomie ist.
Also das ist quasi unzweifelhaft der Fall.
Und natürlich ist China anders als, als
jetzt sagen wir mal die USA, aber es ist
wie die USA ein extrem wichtiger Teil
der globalen kapitalistischen Ökonomie.
Das ist unzweifelhaft.
Aber dann gibt es natürlich die
Frage: Ist China quasi in, in, in,
in innerhalb China selbst, ist das
also quasi eine, eine kapitalistische
Organisation der Wirtschaft?
Und die Chinesen selber sehen ihre
Wirtschaftsordnung als Sozialismus
mit chinesischen Charakteristiken an
also quasi nicht als kapitalistisch.
Und und wenn ich als wenn ich als
Historiker eben die Prozesse mir
ansehe, die sich in China in den
letzten vierzig Jahren oder fünfzig
Jahren entfaltet haben, dann sehe ich
natürlich häufig, dass die Prozesse,
die sich in China entfaltet haben,
große Ähnlichkeiten haben mit der
Entwicklung des Kapitalismus in, in, in
den USA oder in, in Deutschland oder,
oder anderswo, also von der Entstehung
großer Anhäufung privaten Kapitals.
Also auch die Idee, dass eben privates
Kapital produktiv investiert wird, kann
man genauso in China beobachten, wie
wir das in den USA beobachten können.
Wir können auch beobachten, andere
Charakteristiken des Kapitalismus sind
auf jeden Fall rapider Wirtschaftswachstum
und schnelle technologische Innovation.
Also das ist auch eben ein
Charakteristikum des Kapitalismus und das
finden wir auf jeden Fall auch in China.
In China sind in den letzten zwanzig
Jahren, glaube ich, vierhundert Millionen
Menschen aus der Landwirtschaft in die
Industrie abgewandert, was also historisch
absolut einmalig ist aber eben auch im
Grunde genommen der Entwicklung in in,
in zum Beispiel Großbritannien im 19.
Jahrhundert entspricht.
Also das wären quasi alles
Charakteris-Charakteristika, die
den Kapitalismus auch ausmachen.
Auf der anderen Seite ist aber, ist
es auch, stimmt es auch, dass in China
der Staat eben nicht nur regulierend in
die Wirtschaft eingreift, wie er das in
allen kapitalistischen Ländern macht,
sondern dass der Staat in gewisser
Weise auch auf das letzte Wort hat.
Und, und das ist natürlich schon,
das macht China schon dann auch
konzeptionell anders als die
kapitalistischen Wirtschaften
in, in, sagen wir mal in den USA.
Also v-von daher
Klaus Reichert: Also auch nicht nur
Rahmenbedingungen setzen, sondern mehr
oder weniger alles durchregieren können.
Ja, okay.
Wobei man muss auch sagen, die
Amerikaner glauben ja auch, dass wir
Sozialisten sind hier in Deutschland,
ne, oder vielleicht sogar Kommunisten.
Aber jetzt kommen wir schon wieder ein
bisschen ins Dogmatische natürlich rein.
Ich glaube, worum's mir gerade noch
geht, ist Sie sprechen davon, das
ist eine permanente Revolution.
Das ist etwas, was natürlich
entstehen musste und sich mal so
sammeln musste und Momentum und
so weiter auch bekommen musste.
Viele Dinge vielleicht auch noch
notwendig waren, damit, damit
es auch wirklich funktioniert.
Aber es ist etwas, was quasi
sich ständig weiterentwickelt.
Jetzt könnte man sagen also meine
erste Frage wäre: Ja, ist das so?
Sagen Sie das so?
Und die zweite Frage ist jetzt:
Machen Sie sich's da nicht vielleicht
ein bisschen leicht mit Ihrer
Definition dann von Kapitalismus?
Weil im Grunde machen Sie jetzt
überall das Label Kapitalismus drauf.
Sven Beckert: Nein, nein,
überhaupt ganz und gar nicht.
Nein.
Also zum Beispiel denke ich, dass
diese Logik des Wirtschaftens für
lange Zeit, die sie, sie existiert
zwar, aber sie ist sehr marginal.
Und wir finden große Bereiche des,
des Wirtschaftslebens bis, bis, bis
in die Gegenwart, die nach anderen
Prinzipien weiterhin organisiert sind.
Das finden wir einmal also zum
Beispiel die Subsistenzwirtschaft
existiert in vielen Regionen der
Welt bis weit in das zwanzigste
Jahrhundert als die dominierende
Form des Wirtschaftens weiter.
Oder wenn wir uns unsere eigenen
Gesellschaften ansehen, dann sehen
wir zum Beispiel, also wir wissen zum
Beispiel, dass in Frankreich in den
1980er Jahren noch ein Drittel aller
wirtschaftlichen Aktivitäten außerhalb
des Marktes stattgefunden haben
und vor allen Dingen in Haushalten.
Also die, die, das Kochen, das Putzen,
das die Kinder aufziehen, also vor allen
Dingen unbezahlte Arbeit von Frauen war
extrem wichtig, wenn wir uns die quasi
alle wirtschaftlichen Aktivitäten in
einem, ja, sehr kapitalistischen Land
wie Frankreich Frankreich ansehen.
Also von daher von daher denke
ich, dass das überhaupt nicht.
Und, und auch im zwanzigsten Jahrhundert
gibt es natürlich große Gebiete
der Welt, die Sowjetunion ist ein
wichtiger Teil davon, die sich dieser
kapitalistischen Logik entzogen haben und
deshalb auch nicht Teil der Geschichte
des Kapitalismus sind und deshalb
auch nicht in meinem Buch vorkommen.
Also ein zentrales Argument dieses Buches
ist, dass eben der Kapitalismus nicht
die natürliche Art des Wirtschaftens
ist, nicht die Art des Wirtschaftens,
in der seit ewigen Zeiten die seit
ewigen Zeiten unser, unser Leben
organisiert und auch nicht die Art
des Wirtschaftens, die quasi alle
Bereiche des Lebens or-or-organisiert.
Aber, aber, aber sie, aber es ist eine
Logik, die, die radikal von anderen
Logiken sich unterscheidet und sich
diese, diesen verschiedenen Regionen
der Welt, die wir früh in verschiedenen
Regionen der Welt finden können, aber die
sich nur sehr, sehr langsam durchsetzt.
Zum Teil, weil sie eben so radikal
ist, weil es so eine radikale
Veränderung des Wirtschaftslebens ist.
Und diese Radikalität des Kapitalismus
führt natürlich auch dazu, dass es
viel Widerstand gegen diese, diese
neuartige Form des Wirtschaftens gibt.
Und den, diesen Widerstand gibt es
zum Beispiel von den Bauern, die
Subsistenzwirtschaft betreiben wollen,
aber sehr stark auch von Eliten.
Ja, denken Sie nur an die katholische
Kirche, die also mit dem Kapitalismus für
lange Zeit nichts zu tun haben wollte.
Oder denken Sie an die vielen
Feudalherren, die nicht wollten, dass
irgendwelche Kaufleute quasi jetzt
auch die Bauern irgendwie beschäftigen
sondern die eben ihre Rechte, die, die,
die Bauern ausbeuten zu dürfen, quasi
für sich selbst monopolisieren wollten.
Also, also von daher, d-d-das ist, das,
das ist es mir also extrem wichtig,
eben zu zeigen, dass der Kapitalismus
historisch ist, dass er sich relativ
langsam ausgebreitet hat und dass es
immer auch Bereiche des Lebens gab auch
bedeutende Bereiche des Lebens gab,
die sich dieser Logik entzogen haben.
Klaus Reichert: Wenn's so lange dauert,
ist es dann noch eine Revolution
oder nicht eher eine Evolution?
Sven Beckert: Okay, das
ist 'ne semantische Frage.
Und ja, Sie haben schon
so ein bisschen recht.
Also die Idee einer permanenten
Revolution ist quasi ein bisschen
widersprüchlich, aber, aber, aber
ich benutz das trotzdem, das Konzept,
weil ich, weil ich eben beobachte,
dass, dass der, der Kapitalismus eben
nicht konzeptiv, wie wir diskutiert
haben, ist-- Im Kapitalismus kann es
konzeptionell keinen Stillstand geben.
Also wenn es einen Stillstand geben würde,
wäre es nicht mehr der Kapitalismus.
Und und wir sehen eben auch in
unserer heutigen Welt, also jetzt
ist der Kapitalismus quasi schon
alt, ja, ein Groß, Groß, Großvater,
ja, sehr alt und, und hat schon
einen langen grauen Bart quasi.
Aber trotzdem ist es so, dass eine Sache
hundert Prozent gewiss ist: Ihre Kinder,
ihre Enkel werden in einer ganz anderen
Welt leben als in dem wir gelebt haben.
Klaus Reichert: Ja.
Sven Beckert: Und das ist an sich eine
welthistorisch einmalige Situation, ja.
Wenn Sie im, im feudalen Europa zur
Welt gekommen sind, war ziemlich
sicher, dass Ihre Großeltern so
gelebt haben wie Sie und Ihre
Enkel werden auch so leben wie Sie.
Also es wird minimale Veränderungen geben,
aber keine dramatischen Veränderungen.
Wir haben heute die Gewissheit,
dass das nicht der Fall ist.
Und das ist, das ist für mich schon
also ein Grund, wieso vielleicht
wir dann doch über eine permanente
Revolution sprechen dürfen.
Klaus Reichert: Ja, okay, natürlich.
Habe ich auch verstanden.
Also ich habe halt häufiger, also es gibt
auch so in dieser Innovationswissenschaft
gibt’s dann auch immer wieder so Leute,
die meinen, man muss entweder oder haben.
Es gibt Evolution oder Revolution oder
so was, aber ich denke, das ist einfach
'ne Sache von auch Geschwindigkeiten
und Rahmenbedingungen und so was,
die, die halt das eine schneller
und das andere langsamer vielleicht
dann irgendwie auch dann machen.
Was damit auch einhergeht und ich
finde auch mit dem Wort Revolution
auch besser passt, ist wir sprechen
sehr, sehr viel jetzt eigentlich gerade
von gesellschaftlichen Innovationen,
gesellschaftlichen Veränderungen, Dinge,
die im Kopf vielleicht stattfinden.
Also das muss nicht zwangsläufig
Technologien sein, das gehört
natürlich auch irgendwie dazu.
Auch Banken kann man sagen, ist natürlich
vielleicht technologiegetrieben,
aber am Ende ist es etwas was sich
sehr stark gewandelt hat, was passt,
G-G-oder Geldwesen überhaupt eben
zum Thema Kapitalismus dazugehört.
Und dann kann man da sagen, na, das
sind halt auch Dinge, die eher auf
so 'ner organisatorischen Seite spat
passieren wie auf der technischen Seite.
Sven Beckert: Ja.
Klaus Reichert: Ja, okay.
Gut, auch-- Oder so Sachen
wie Arbeitsteilung, ja.
Was mir aufgefallen ist, ist Sie haben
da von Kaufleuten erzählt, die da
selber irgendwo hingefahren sind, ne,
mit dem eigenen Schiff und so weiter.
Und heute haben wir die großen
Reeder, die halt, was weiß ich wie
viel Schiffe haben und dann unendlich
viele Container transportieren.
Aber ihnen gehören die Waren nicht
mehr, sondern nur noch das Schiff.
Und andersrum dem Kaufmann gehört
oder der Kauffrau die Ware, die, der
Container, aber eben nicht das Schiff.
Sven Beckert: Ja,
Klaus Reichert: ja.
Oder der Lkw oder was
immer da halt dazugehört.
Ja, ja, okay.
Hat Kapitalismus was mit Wachstum zu tun?
Sven Beckert: Ja, also ja, natürlich
gibt es im Kapitalismus immer auch
Krisen und es gibt Momente, in denen
die Weltwirtschaft schrumpft und auch
manchmal drastisch schrumpft, zum
Beispiel während der Weltwirtschaftskrise
der neunzehnhundertzwanziger und
neunzehnhundertdreißiger Jahre.
Aber wenn wir uns die globale
Wirtschaftsentwicklung ansehen über
die letzten, über den, über die
letzten tausend Jahre, ja, dann sehen
wir, dass es also quasi in der ersten
Hälfte des zweiten Jahrtausends,
also in den Jahren zwischen tausend
und fünfzehnhundert schon manchmal
Momente des Wirtschaftswachstums gab.
Aber diese Momente waren immer sehr, das
waren immer, war immer sehr minimales
Wirtschaftswachstum und dann wurde es auch
oft gefolgt von Momenten, in denen die
Wirtschaft also wieder geschrumpft ist.
Also insgesamt, glaube ich, haben
Ökonomen herausgefunden, dass der
Wirtschaftswachstum weltweit, wie er
existiert hat in den tausend Jahren vor
fünfzehnhundert so langsam war, dass
sich also die Wirtschaft höchstens alle
zweihundertsechzig Jahre verdoppelt hat.
Also es war, also es gab zwar schon
Wirtschaftswachstum, aber er war
nicht wirklich fühlbar für die
meisten, für die meisten Menschen.
Im Kapitalismus ist es völlig anders.
Ja, im Kapitalismus, wie wir eben
gesagt haben, ist es mehr oder
weniger eine, eine, eine, eine, es
ist mehr oder weniger vorhersehbar,
dass ihre Kinder anders leben werden
als, als sie selber gelebt haben.
Und und es gibt quasi jetzt
also permanenten, permanenten
Wirtschafts-, Wirtschaftswachstum.
Und und das ist eben nicht nur
irgendwie quasi zufällig eine
Entwicklung, die sich mit der Expansion
des Kapitalismus durchgesetzt hat,
sondern das ist ursächlich mit
dem Kapitalismus selbst verbunden.
Aus Gründen, die jetzt zu weit führen
würden, um das alles zu dis-diskutieren.
Aber es gibt eine ursächliche
Beziehung zwischen der
Verstetigung und Beschleunigung des
Wirtschaftswachstums und der und
der Entstehung des Kapitalismus.
Und natürlich, wir leben heute
in einer Welt, die un, die
unwahrscheinlich reich ist.
Ja, also das ist also für uns kommt
vielleicht das, wenn wir aus dem Fenster
gucken und was wir sehen, alles ganz
normal vor, weswegen eben die biografische
Perspektive nicht ausreichend ist,
um den Kapitalismus zu verstehen.
Aber für, selbst für Menschen, die
hundert, vor hundert Jahren gelebt
haben, ist der, ist, ist, ist es
eine völlig fantastische Anhäufung
von, von, von Wohlstand und Reichtum,
der natürlich ungleich verteilt ist.
Aber, aber insgesamt ist die Welt
unglaublich viel reicher geworden.
Und und natürlich hat das
viele positive Auswirkungen.
Zum Beispiel, dass wir sehr viel länger
leben, dass wir in oder zumindest in
den vielen Gebieten oder mittlerweile
in den meisten Gebieten der Welt sehr
viel länger leben, gesünder leben.
Und und es gibt sehr viel
mehr Menschen auf der Welt.
Ja, das ist auch quasi ein Resultat
der kapitalistischen Revolution.
Aber natürlich gibt es auch
negative Auswirkungen und ich
glaube, da ist die wichtigste, die
wir betonen müssen, ist, dass der
Kapitalismus ist quasi ein Zustand
des ständigen Wirtschaftswachstums.
Und ich glaube, konzeptionell kann
man sich den Kapitalismus auch nicht
vorstellen ohne Wirtschaftswachstum.
Also das ist die grundlegende Logik des
Kapitalismus, die permanente Expansion.
Natürlich beruht der Kapitalismus auch
auf den Zugang zu natürlichen Ressourcen.
Und die Natur ist natürlich nicht von
einer Logik des permanenten Wachstums
gezeichnet, sondern im Gegenteil: Die
Natur hat gewisse Limits, gewisse Grenzen.
Und da sehe ich schon eine sehr
entscheidende Konfrontation
zwischen der Logik des, des, des
Kapitalismus auf der einen Seite und
der Logik der Natur auf der anderen.
Klaus Reichert: Sie können sich jetzt
vorstellen, was die nächste Frage ist und
es tut mir auch ein bisschen leid, dass
ich so-so-so sozusagen als Historiker, der
natürlich Zeitreisen ohne Probleme in die
Vergangenheit macht und jetzt irgendwelche
Aussagen über die Zukunft machen soll.
Aber wo geht es dann hin mit der
Revolution des Kapitalismus, wenn wir
an diese Grenzen des Wachstums stoßen?
Sven Beckert: Ja, das ist eine
gute Frage und die Zukunft
ist sehr schwer vorherzusehen.
Aber ich glaube, dass das schon eine,
eine grundlegende ein, ein grundlegendes
Problem für den Kapitalismus ist,
weil wie, wie gesagt, ich glaube,
der Kapitalismus ist undenkbar ohne,
also konzeptionell unvorstellbar,
meiner Meinung nach, ohne Wachstum.
Aber es gibt, wie wir eben diskutiert
haben, es gibt quasi natürliche Grenzen
für diesen Wachstum, vor allen Dingen,
wenn wir sicherstellen wollen, dass
zukünftige Generationen weiterhin
auf diesem Planeten leben können.
Natürlich kann man sagen, es
gibt technologische Innovationen.
Also d-die, die der, der Kapitalismus
hat sich hat stark expandiert aufgrund
der immer stärkere Verbrennung
von fossilen Energieträgern.
Aber mittlerweile gibt
es auch Technologien.
Also wir könnten uns ein, wir
können uns einen Kapitalismus
vorstellen ohne Öl, Kohle und Gas.
Also, also, also rein auf, auf
der Basis unseres Wissens und
unserer technischen Fähigkeiten.
Also vielleicht politisch ist es
schwieriger, sich das vorzustellen,
aber aufgrund unserer poli aufgrund
unserer technischen Fähigkeiten.
Also wir können quasi diese Krise
vielleicht könnten wir meistern.
Ja, ob wir sie meistern würden,
w-werden, ist, ist noch eine andere
Frage, aber wir könnten sie meistern.
Es gibt natürlich auch mittlerweile
Unternehmer, so zum Beispiel Elon Musk,
die quasi auch glaube ich sehen, dass,
dass, also die, dass es dort einen, einen
Konflikt gibt zwischen den, zwischen
der Dynamik des Kapitalismus und der
Dynamik der Natur und die daraus die
Konsequenz ziehen, dass der Planet nicht
ausreicht, ja, dass wir eben uns in andere
Planeten hin hin orientieren sollten.
Und das, das erscheint uns vielleicht
als verrückt und vielleicht ist es
auch verrückt, aber, aber, aber es
ist, es ist eben quasi eine Antwort
auf diese, auf diesen Konflikt.
Klaus Reichert: Na gut, es könnte auch
eine gute Strategie sein, um Produkte
zu verkaufen und Aktienkurse zu pushen.
Sven Beckert: Ja, das sicherlich auch.
Das sicherlich auch, ja.
Klaus Reichert: Okay.
Jetzt haben Sie Wachstum, Sie haben die
Anzahl von Menschen an, auf der Erde auch
angesprochen, Kapitalismus und Menschen.
Also ich möchte jetzt hier nicht
dogmatisch sein, also darum
geht's mir in diesem Moment nicht,
weil ich bin voll bei Ihnen.
Ich seh das für mich so genauso.
Wir sind, wir leben im gelobten
Land in Mitteleuropa, in Deutschland
US, Amerika und so weiter, ne.
Da gibt's also ganz, ganz andere
Zustände auf der Welt und da müssen
wir auch immer ein bisschen aufpassen,
wenn wir davon sprechen, dass es zum
Beispiel zu viel oder zu wenig oder
zu gerecht oder zu ungerecht oder
was weiß ich eben gibt auf der Welt.
Von was sprechen wir?
Also von welcher Region sozusagen und auch
ja vielleicht auch noch von welcher Zeit.
Weil bei uns in Deutschland,
sage ich jetzt mal, Mitteleuropa
war vor hundert Jahren auch noch
sehr, sehr, sehr viel, sehr arm.
Das, was Sie angesprochen haben mit
dem Wandel in der Landwirtschaft das
hat in Deutschland, würde ich mal
sagen im neunzehn, im zwanzigsten
Jahrhundert, eben frühen zwanzigsten
angefangen Ende neunzehnten vielleicht.
Also Kapitalismus und Menschen.
Jetzt kommen da, da, wenn wir mal von
uns hier ausgehen, es passiert sehr
viel in Richtung Automatisierung.
Wenn Sie in eine Autofirmafabrik gehen,
dann ist quasi der erste Teil komplett
mit Robotern bestickt, bestückt.
Das ist Automatisierung
par excellence Roboter.
Irgendwann kommt noch mehr
AI dazu, die quasi das Denken
mit übernimmt oder so was.
Ist das dann auch eine ganz
normale Entwicklungsstufe dieser
Revolution des Kapitalismus?
Ist das etwas, was quasi dafür
ausgelegt ist Menschen wieder
rauszunehmen aus dem Ganzen Reichtum
wieder zu nehmen oder zu fokussieren?
Oder wie, wie würden Sie das da sehen?
Sven Beckert: Ja, also in gewisser
Weise können wir das natürlich
interpretieren als einfach eine
Fortsetzung einer langen Geschichte.
Und wir haben am Anfang über die
Innovation in der, im Baumwollhandel und
in der Baumwollproduktion gesprochen.
Und in gewisser Weise steht also die
Automatisierung der Automobilproduktion
oder die künstliche Intelligenz in
der Tradition dieser Tendenz, dieser,
dieser, dieser vergangenen Innovation.
Und ich glaube, manchmal ist es auch
hilfreich, tief durchzuatmen und und,
und eben zu sehen, dass nicht alles,
was so neu erscheint, tatsächlich
konzeptionell völlig neu ist, sondern dass
es eben auch eine lange Geschichte hat.
Aber natürlich gibt es quasi
zwei wichtige Fragen, die dann
beantwortet werden müssen.
Und die eine Frage ist wo, wie werden
die Produktivitätszuwächse verteilt?
Also zum Beispiel, wenn wir uns
Deutschland ansehen in den 1950er, 1960er,
1970er Jahren war das eine Wirtschaft,
die von starken Produktivitätsgewinnen
gezeichnet war, aber auch eine Wirtschaft,
in der diese Produktivitätsgewinne breit
in der Gesellschaft verteilt worden sind.
Also zum Beispiel haben sich in
diesen Jahren die Arbeitseinkommen
von Arbeitern sehr signifikant
erhöht und die Produktivität wurde,
Produktivitätsgewinne wurden quasi
breit in der Gesellschaft verteilt.
Wenn wir uns heute die Artificial
Intelligence, die künstliche Intelligenz
ansehen also wenn diese künstliche
Intelligenz tatsächlich zu großen
Produktivitätsschüben führen wird, was
glaube ich auch noch nicht hundert Prozent
entschieden ist, aber wenn das so sein
wird, dann erscheint es im Moment so, als
würden diese Produktivitätsgewinne von
einer klitzekleinen Gruppe von wenigen
Dutzend Familien vereinnahmt werden.
Und das ist natürlich politisch,
ökonomisch dann letztendlich
auch eine, eine, eine sehr
problematische Entwicklung.
Also wir müssen die, die
Diskussion führen, wie wir diese
Produktivitätsgewinne verteilen.
Das ist das Erste.
Und das Zweite ist, wenn perspektivisch
quasi die menschliche Arbeit
nicht mehr notwendig ist, dann ist
das glaube ich auch ein Moment,
in dem der Kapitalismus quasi
konzeptionell nicht mehr denkbar ist.
Denn wie wir auch am Anfang
diskutiert haben, als wir über die
Baumwollindustrie diskutiert haben die,
die Produktion macht nur Sinn, wenn
es einen Markt gibt für die Produkte,
die aus diesen immer effizienteren
Fabriken kommt oder kommen wird.
Wenn aber jetzt quasi es keine Möglichkeit
mehr gibt, ein Arbeitseinkommen
zu erwerben, dann hieße das ja
gleichzeitig auch, dass der, dass
die Konsumenten quasi aussterben.
Und und und das wäre dann für mich
also dann müssten ja irgendwie
Einkommen anders generiert werden
oder anders garantiert werden.
Aber ich glaube, in gewisser Weise wäre
das auch eine also für mich wäre der
Kapitalismus quasi ohne menschliche
Arbeit auch schwer vorzustellen.
Klaus Reichert: Also das wäre halt dann
auch vielleicht so eine Situation, wo
sozusagen diese Weiterentwicklung des
Kapitalismus into, in eine Masch-, in
eine Welt, in der Geräte, Maschinen
und sonst was die große Wertschöpfung,
Schöpfung erzeugen, hin zu einer
Umverteilung für alle und die Welt
des Sozialismus oder des Kommunismus
ist jetzt plötzlich entstanden.
Sven Beckert: Ja, also das will ich
nicht jetzt vor, das will ich jetzt nicht
vorhersagen, aber i-, aber ich meine,
wir könnten ja auch die, zum Beispiel
die Automatisierung der Produktion
können wir auch, also, also es, es wird
ja oft mit großer Angst diskutiert,
aber wir könnten ja auch sagen: „Okay,
es ist ja auch eine große Möglichkeit.
Wir, d, wir können genauso viele
Autos noch produzieren, müssen aber
nur noch halb so viel arbeiten."
Ja, das ist ja eigentlich auch eine
große Chance, aber diese Diskussion
scheinen wir im Moment nicht zu haben.
Und das sehe ich als Problem.
Klaus Reichert: Herr Beckert, für
den Podcast ist es wichtig, dass
wir sozusagen den Hörern, den
Zuhörern irgendwas mitgeben, wo sie
sozusagen jetzt was draus lernen
und das vielleicht anwendbar machen.
Sie sind Historiker, Sie
machen Zeitreisen, Sie
schauen in die Vergangenheit.
Für vieles, was wir für Innovation
brauchen, ist natürlich auch der
Blick in die Zukunft notwendig.
Was könnten Sie, was würden Sie
sagen, kann ich aus dem Blick der
Vergangenheit für sozusagen das
Arbeiten mit der Zukunft mitnehmen?
Sven Beckert: Ich glaube, sehr viel.
Also ich glaube, Sie können über die
Zukunft nicht produktiv nachdenken,
ohne zu verstehen, wie wir dorthin
gekommen sind, wo wir heute sind.
Also das ist, das, das eine.
Und das zweite ist wenn man sich mit
der Vergangenheit beschäftigt, lernt
man, bestimmte Fragen zu stellen und
natürlich dann auch Antworten zu suchen.
Und ich glaube, diese Fragen, die
wir stellen, wenn wir uns mit der
Vergangenheit der Innovation, mit
der Vergangenheit des Kapitalismus
beschäftigen, sind extrem relevant, um
auch Fragen an unsere Zukunft zu stellen.
Und wir sehen, die, die, die, die,
die, die Zukunft wird nicht eine
Wiederholung sein einer bestimmten
Phase der, der, der Vergangenheit.
Es ist unmöglich, in die
Geschichte zurückzukehren.
Aber wir können eben aus der Geschichte
bestimmte bestimmte Dinge, Dinge
lernen, die wichtig sind dann auch
zum Verständnis unserer Gegenwart und
die uns wiederum helfen, auch kreativ
über unsere Zukunft nachzudenken.
Klaus Reichert: Herr Beckert, vielen
Dank, dass Sie heute mit dabei waren.
Sven Beckert: Ganz herzlichen Dank.
Danke für Ihr Interesse.
Klaus Reichert: Das war der
Smart Innovation Podcast.
Wir führen diese Gespräche um engagierten
Menschen, die etwas bewegen wollen, eine
pragmatische Hilfe zu den Themen zu geben.
Wenn Sie etwas aus dem Gespräch mitnehmen,
dann abonnieren und bewerten Sie bitte
die Show bei Ihrer Podcast-Plattform.
Für alle, die weiter im Thema bleiben
wollen, Extras zur Episode, ein
Transkript und die Möglichkeit für
Kommentare sind in den Shownotes verlinkt.
Der Smart Innovation Podcast wird
unabhängig produziert von mir, Klaus
Reichert, im Südwesten Deutschlands.
Vielen Dank fürs Zuhören und
denken Sie daran, es gibt kein
Ende von Innovation, nur Starts.